Medien in der Kita: Zwischen Entdecken und Grenzen setzen
01.Oktober / AWO Karlsruhe gemeinnützige GmbH

Die digitale 3-D-Anleitung bleibt Mittel zum Zweck: Nach der Auswahl am Tablet baut das Kind das Raumschiff mit Steckbausteinen nach.
Kinder wachsen mit Smartphones, Streamingangeboten und Tablets auf. Gleichzeitig brauchen Drei- bis Sechsjährige vor allem Bewegung, freies Spiel, Sprache und unmittelbare Beziehungen. Die AWO Kita Bernstein bewegt sich bewusst in diesem Spannungsfeld: Sie führt Kinder an Medien heran, ohne Bildschirmnutzung zur selbstverständlichen Dauerbeschäftigung zu machen.
Wie früh und wie lange sollten Kinder Bildschirmmedien nutzen? Diese Frage beschäftigt viele Familien. Die bislang jüngsten repräsentativen Basisdaten speziell für Zwei- bis Fünfjährige liefert die 2024 veröffentlichte miniKIM-Studie 2023. Sie zeigt, wie präsent digitale Angebote bereits im Alltag kleiner Kinder sind: 44 Prozent nutzten täglich mindestens eines der erfassten Angebote – – darunter Mediatheken, Streamingdienste, digitale Spiele oder Apps. Ein eigenes Gerät ist dafür nicht erforderlich: 21 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen verfügten über ein eigenes Tablet, bei den Vier- bis Fünfjährigen waren es 28 Prozent. Jedes zehnte Kind zwischen zwei und fünf Jahren besaß ein eigenes Handy oder Smartphone. Zugleich blieb das Bilderbuch das beliebteste Medium der Vorschulkinder: 27 Prozent würden es nach Angaben der Haupterziehenden am meisten vermissen. Das unterstreicht ein breites Verständnis von Medienbildung, das analoge und digitale Medien nicht gegeneinander ausspielt. Entscheidend ist, welches Medium für welchen Zweck eingesetzt wird und wie Erwachsene die Kinder dabei begleiten.
Was die aktuelle Studienlage tatsächlich sagt
Die Forschung liefert kein einfaches Urteil nach dem Muster ‚Bildschirm ist schädlich‘ oder ‚digitale Angebote fördern Kinder‘. Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wertete 100 Studien mit insgesamt 176.742 Kindern unter sechs Jahren aus. Häufigeres Anschauen fertiger Programme und nebenher laufendes Fernsehen waren mit ungünstigeren kognitiven Ergebnissen verbunden; nicht altersgerechte Inhalte und die Bildschirmnutzung Erwachsener während gemeinsamer Routinen mit ungünstigeren psychosozialen Ergebnissen. Gemeinsame Nutzung von Kind und Bezugsperson war dagegen positiv mit kognitiven Ergebnissen verbunden. Die Zusammenhänge waren überwiegend klein bis moderat; viele der einbezogenen Untersuchungen waren Beobachtungsstudien und belegen deshalb keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Eine im August 2026 veröffentlichte schottische Langzeitstudie mit 3.786 Kindern ergänzt dieses Bild. Nach Berücksichtigung familiärer und sozialer Faktoren war die reine Dauer der Bildschirmnutzung im Alter von fünf Jahren nicht durchgängig mit späteren psychosozialen Schwierigkeiten verbunden. Auch diese Studie spricht dafür, nicht nur Minuten zu zählen, sondern Inhalt, Situation, Begleitung und Familienalltag mitzudenken.
Empfehlung für Kinder von drei bis sechs Jahren
- Die deutsche S2k-Leitlinie zur Prävention dysregulierter Bildschirmmediennutzung empfiehlt: Wenn Eltern ihr Kind an Bildschirmmedien heranführen möchten, höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen, nicht täglich und nicht ohne einen Erwachsenen.
- Inhalte sollen altersgerecht, qualitativ hochwertig und vorher geprüft sein. Erwachsene sollten sie gemeinsam mit dem Kind nutzen oder ansprechbar bleiben und anschließend darüber sprechen.
- Die Empfehlung bezieht sich auf Bildschirmmedien. Bilderbücher und Hörmedien werden gesondert betrachtet. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit nennt für Drei- bis Sechsjährige als Orientierung höchstens 45 Minuten Hörmedien pro Tag.
Der Bildschirm ist ein kurzer Wegweiser
In der Kita Bernstein ist deshalb nicht das Gerät der Ausgangspunkt, sondern eine konkrete Aufgabe. Ein Junge sucht sich auf dem Tablet aus, was er mit kleinen Steckbausteinen bauen möchte. Er entscheidet sich für ein Raumschiff und ruft eine dreidimensionale Schritt-für-Schritt-Anleitung auf. Danach wandert sein Blick immer wieder kurz zwischen Anleitung und Bausteinen. Gebaut wird mit den Händen; das Tablet zeigt lediglich, welcher Schritt als Nächstes folgt.
Das Beispiel macht den Unterschied zwischen passivem Konsum und einem pädagogisch begründeten Einsatz sichtbar. Das Kind wählt aus, orientiert sich, überprüft und setzt unmittelbar praktisch um. Sobald die Information nicht mehr gebraucht wird, verliert auch der Bildschirm seine Aufgabe.

Vom Tablet auf den Bautisch: Das Kind wählt ein Raumschiff aus und setzt die digitale 3-D-Anleitung Schritt für Schritt mit Steckbausteinen um.
Informationen hören und selbstständig handeln
Auch Medien ohne Bildschirm gehören zum Konzept. Jeden Morgen besprechen Kinder und Fachkräfte gemeinsam den Tagesablauf: Welcher Wochentag ist heute? Was gibt es zu essen? Welche Mitarbeitenden sind da? Welche Aktionen finden statt? Die Informationen werden mit Bildsymbolen dargestellt und auf einen sogenannten Talker gesprochen. Später können die Kinder die passende Taste selbst drücken und die Antwort noch einmal anhören. An Türen, Gegenständen und einer Symbolwand finden sich zusätzlich besprechbare Punkte. Mit einem Audiostift können die Kinder hinterlegte Informationen abrufen. Einen Teil der Aufnahmen haben sie selbst eingesprochen. Damit werden Sprache und Orientierung miteinander verbunden: Kinder, die noch nicht lesen können, erhalten Informationen, ohne für jede Frage auf eine erwachsene Person warten zu müssen.
Eigene Geschichten statt fertiger Inhalte
Mit einem Audiostift entstehen auch selbst gestaltete Hörbücher. Die Kinder malen und schneiden Figuren aus, entwickeln eine Handlung und sprechen ihre Geschichte ein. Später können sie die Aufnahme auf den einzelnen Seiten wieder abrufen. Dabei erfahren sie, dass ein Medieninhalt nicht einfach vorhanden ist: Jemand wählt Bilder aus, legt eine Reihenfolge fest und entscheidet, welche Stimme zu hören ist. Das ist Medienbildung im engeren Sinn: nicht nur bedienen, sondern auswählen, gestalten und verstehen, dass Medien gemacht sind. Sprache bleibt dabei zentral. Die Kinder beschreiben, erzählen, hören einander zu und stimmen sich ab.

Bildsymbole machen Informationen hörbar. Einen Teil der Aufnahmen haben die Kinder selbst eingesprochen.
Grenzen gehören zur Medienbildung
Im Gespräch über ihre Praxis formulieren die Fachkräfte auch klare Grenzen. Ein Hörspiel muss nicht nebenbei in einem Raum mit vielen spielenden Kindern laufen. Ein Tablet ersetzt nicht das gemeinsame Spiel, Bewegung oder eine unmittelbare Erfahrung und wird nicht zum dauerhaften Beruhigen eingesetzt. Digitale Angebote werden nicht geöffnet, weil gerade ein Gerät verfügbar ist, sondern weil sie eine nachvollziehbare Aufgabe erfüllen.
Zur Begleitung gehört außerdem, Inhalte und Apps vorher zu prüfen. Bei einer Recherche bleiben Erwachsene dabei; für erste Suchen nutzt die Kita einen vorbereiteten Zugang zur Kindersuchmaschine fragFINN. Kinder sollen im Vorschulalter bereits eine einfache Schutzregel kennen: Nicht jeder Link führt zu etwas Geeignetem. Wenn unerwartete Werbung oder ein unangenehmer Inhalt erscheint, klicken sie nicht weiter, sondern holen eine erwachsene Person dazu. Auch das Recht am eigenen Bild wird konkret. Kinder erfahren, dass sie gefragt werden müssen, bevor sie fotografiert oder gefilmt werden, und dass sie Nein sagen dürfen. Eine allgemeine Einwilligung der Eltern ersetzt nicht die aktuelle Zustimmung des Kindes.
Woran sich der Medieneinsatz in der Kita Bernstein orientiert
- Konkreter Zweck: Das Medium beantwortet eine Frage, macht eine Information zugänglich oder unterstützt ein selbst gewähltes Vorhaben.
- Kurzer, begleiteter Einsatz: Die Fachkräfte bleiben dabei und beenden die Nutzung, wenn die Aufgabe erledigt ist.
- Aktivität statt Berieselung: Die Kinder bauen, sprechen, gestalten, recherchieren oder erzählen selbst.
- Rückkehr in die reale Tätigkeit: Der digitale Impuls führt zum Bauen, Spielen, Malen, Bewegen oder gemeinsamen Gespräch.
- Schutz und Beteiligung: Inhalte werden geprüft; Kinder lernen einfache Sicherheitsregeln und entscheiden mit, ob sie fotografiert werden möchten.
Nicht jedes Zukunftsthema gehört schon in die Kita
Das Team entwickelt sein medienpädagogisches Konzept weiter. Dazu gehört auch die Frage, welche Risiken Kinder im Vorschulalter bereits verstehen können. Bei einem fünf- oder sechsjährigen Kind lässt sich konkret besprechen, warum es nicht jeden Link anklicken oder ein Foto ohne Zustimmung weitergeben sollte. Ob und wie abstrakte Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz schon für Dreijährige zum Thema werden, ist dagegen nicht abschließend beantwortet.
Diese Offenheit ist kein Mangel, sondern Teil professioneller Medienpädagogik: Nicht jede technische Entwicklung muss sofort in ein Angebot übersetzt werden. Maßgeblich bleiben Entwicklungsstand, konkrete Lebenswelt des Kindes und pädagogischer Zweck.
Medienerziehung ist eine gemeinsame Aufgabe
Kinder bringen sehr unterschiedliche Medienerfahrungen aus ihren Familien mit. Manche nutzen nur gelegentlich ein gemeinsames Gerät, andere haben Zugriff auf ein älteres Smartphone oder hören häufig Hörmedien. Daraus lassen sich keine vorschnellen Rückschlüsse auf Eltern oder Familien ziehen. Medien können unterhalten, Informationen liefern oder im Alltag eine praktische Funktion erfüllen.
Die Kita will Eltern Orientierung anbieten. Ein Elternabend kann das pädagogische Konzept, altersgerechte Inhalte, Zeitgrenzen, technische Schutzmöglichkeiten und Kinderrechte zusammenführen. Eine gemeinsame Linie hilft Kindern mehr als widersprüchliche Einzelregeln.
Ein eigenes Bildungsfeld im Orientierungsplan
Der im Juli 2025 veröffentlichte weiterentwickelte Orientierungsplan Baden-Württemberg führt Medienbildung erstmals als eigenes Bildungs- und Entwicklungsfeld. Er betrachtet analoge und digitale Medien und verbindet Teilhabe mit Schutz. Die neuen Zielformulierungen werden nach einer vierjährigen Transferphase ab dem Kitajahr 2029/30 verbindlich.
Die Praxis der Kita Bernstein passt zu diesem Verständnis: Bücher, Bilder, Zeitschriften, Symbole und Sprache bleiben ebenso wichtig wie digitale Geräte. Kinder sollen Medien nicht nur bedienen, sondern zunehmend verstehen, auswählen, selbst gestalten und Grenzen erkennen.
Fünf Fragen für den Familienalltag
- Hat die Bildschirmnutzung einen klaren Anfang und ein vorher besprochenes Ende?
- Ist der Inhalt altersgerecht, vorher geprüft und frei von unkontrolliertem Autoplay oder offenen Links?
- Bleibt ein Erwachsener dabei und spricht mit dem Kind über das Gesehene?
- Führt der digitale Impuls anschließend ins Erzählen, Bauen, Malen, Bewegen oder gemeinsame Spielen?
- Bleiben Mahlzeiten, die Zeit vor dem Schlafengehen und gemeinsame Gespräche bildschirmfrei?
Medienbildung zeigt sich auch beim Ausschalten
Ein Tablet im Gruppenraum macht noch keine Medienpädagogik. Entscheidend ist, was ein Kind damit tut, wer es begleitet und was danach geschieht. In der Kita Bernstein wird der Bildschirm zum Wegweiser für ein Raumschiff aus Steckbausteinen; Audiostift und Symbolwand geben Orientierung; ein selbst gestaltetes Hörbuch macht die eigene Stimme hörbar. Ebenso wichtig ist der Moment, in dem das Gerät wieder weggelegt wird und das gemeinsame Spiel weitergeht.
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: miniKIM-Studie 2023
- AWMF: S2k-Leitlinie zur Prävention dysregulierter Bildschirmmediennutzung
- fragFINN: Kindgerechte Suchmaschine und Informationen für Eltern
- Kindergesundheit-info: Empfehlungen zur Mediennutzung von Drei- bis Sechsjährigen
- Kultusministerium Baden-Württemberg: Weiterentwickelter Orientierungsplan
Fotos: AWO Karlsruhe gemeinnützige GmbH
