In Karlsruhe öffnete am 6. Dezember 2019 der erste Drogenkonsumraum in Baden-Württemberg. In einem umgebauten Nebenraum der bereits existierenden Anlauf- und Kontaktstelle „get IN“ in der Kriegsstraße 76 können Schwerstabhängige mitgebrachte Suchtmittel wie Opioide, Kokain, Amphetamine und deren Derivate sowie Benzodiazepine künftig unter hygienischen Bedingungen und unter Aufsicht konsumieren. Drogenkonsumräume sind wichtige Überlebenshilfe für Betroffene, bieten professionelle Unterstützung und entlasten den öffentlichen Raum durch Rückgang der offenen Drogenszene und ihrer negativen Begleiterscheinungen.

Rechtsverordnung des Landes legalisiert Betrieb
In sechs Bundesländern sind Drogenkonsumräume bereits Alltag, in Baden-Württemberg waren sie es bislang noch nicht. Voraussetzung für die Einrichtung eines Drogenkonsumraums in Karlsruhe war der Erlass einer Landesverordnung, die dessen Betrieb genehmigt und legalisiert. Eine Kooperationsvereinbarung der Beteiligten – AWO als Betreiberin, Stadt, Polizei und Staatsanwaltschaft – regelt die Grundzüge der Zusammenarbeit. Seit 2000 bietet das Betäubungsmittelgesetz die rechtliche Grundlage für das Tätigwerden der Länder. Mit dem Beschluss des schwarz-grünen Landeskabinetts im März war der Weg für die landesweite Premiere frei, der Karlsruher Gemeinderat hatte sich bereits im April 2018 einstimmig zu dem Projekt bekannt und damit nach dem Modellversuch zur heroingestützten Behandlung einen weiteren Schritt in Richtung fortschrittlicher Drogenpolitik vollzogen.

AWO Karlsruhe als Trägerin des Drogenkonsumraums
Trägerin des Drogenkonsumraums, der den Namen K76 trägt,  ist die AWO Karlsruhe gemeinnützige GmbH. Wer einen der vier, durch Plexiglasscheiben getrennte Plätze nutzen will, muss grundsätzlich volljährig, chronisch betäubungsmittelabhängig und konsumerfahren sein. Sterile Konsumutensilien werden gestellt und sachgerecht entsorgt. Offen ist die tolerierte Stätte für Drogenkonsum montags bis freitags sowie an Feiertagen von 10 bis  16 Uhr.

Brennpunkt Werderplatz und die Maßnahmen
Impuls auch für den Drogenkonsumraum war die Zuspitzung der Situation auf dem Werderplatz mit vielschichtigen Problemlagen aus Lärm, Schmutz, Alkohol- und Drogenexzessen, Belästigung und Gewalt. Die Stadt steuerte nach massiver Kritik von Anwohnerschaft und Geschäftsleuten dagegen. Nach einer Bürgerversammlung gründete sich 2016 die AG Werderplatz aus Verwaltung, Polizei, Diakonischem Werk, AWO, Bürgergesellschaft und weiteren Akteuren.

Gemeinsam entwickelten sie ein breit gefächertes Maßnahmenpaket zur Deeskalation rund um den Indianerbrunnen in der Südstadt. Die Politik zog einhellig mit. Im September 2018 ging mit dem A³ in der früheren Gaststätte „Klosterbräu“ ein sogenannter alkoholakzeptierender Aufenthaltsraum an den Start, in dem Bier, Wein oder Sekt getrunken werden können, aber nur Nichtalkoholisches verkauft wird. Des Weiteren greift von April bis Oktober ein zeitlich und örtlich begrenztes Alkoholkonsumverbot, außerdem laufen Polizei und Ordnungsdienst verstärkt Streife. Mit dem Drogenkonsumraum ist eine weitere zentrale Forderung der Arbeitsgruppe erfüllt.

Stimmen zur Eröffnung

Urhebernachweis: Rolf Fränkle – Presseamt Stadt KA

Manfred Lucha, Minister für Soziales und Integration Baden-Württemberg
„Ich freue mich sehr darüber, dass heute in Karlsruhe der erste Drogenkonsumraum in Baden-Württemberg eröffnet. Er ergänzt unsere bestehenden Angebote der Suchtprävention und Suchthilfe im Land durch ein spezielles niedrigschwelliges Angebot zur Gesundheits-, Überlebens und Ausstiegshilfe für Betroffene, die wir bisher kaum erreichen. Durch den Drogenkonsumraum können Infektionen wie HIV und Hepatitis reduziert sowie Todesfälle durch Überdosierungen verhindert werden. Nutzerinnen und Nutzern des Raumes sollen darüber hinaus immer wieder auf Hilfsangebote aufmerksam gemacht werden. Klar ist, dass dort kein rechtsfreier Raum entstehen darf.

Der Drogenkonsumraum kann aber dazu beitragen, die negativen Begleiterscheinungen einer offenen Drogenszene im städtischen Raum zu reduzieren. Er ist damit ein wichtiger Baustein einer verantwortlichen und menschlichen Drogenpolitik. Deshalb begrüße ich es ausdrücklich, dass wir einen landespolitischen Konsens in dieser Sache erzielen konnten. Wir werden die Entwicklung des ersten baden-württembergischen Drogenkonsumraums in Karlsruhe auf politischer Ebene sehr aufmerksam begleiten. Allen Verantwortlichen wünsche ich viel Erfolg für ihre wichtige Arbeit!“

 Dr. Frank Mentrup, Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe
„Ich bin davon überzeugt, dass ein Drogenkonsumraum ein wichtiges Angebot der niedrigschwelligen Drogenhilfe ist. Er sichert das Überleben, ermöglicht den Weg ins Hilfesystem und entlastet den öffentlichen Raum. Die Einrichtung eines Drogenkonsumraums ist ein längst überfälliger Schritt in Karlsruhe und auch in Baden-Württemberg. Ich freue mich sehr, dass wir diesen Schritt nun endlich gehen können. Das ist meine Überzeugung und die fachliche Begründung. Wichtig ist aber für Karlsruhe auch der Prozess der Entscheidungsfindung. Wir sind den Weg der größtmöglichen Beteiligung gegangen, haben den Blick jenseits aller ideologischen Bedenken ganz pragmatisch darauf gerichtet, gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden. Damit konnten wir in Karlsruhe auch die Skeptiker mit fachlichen Argumenten überzeugen und die Entscheidung zur Einrichtung eines Drogenkonsumraums einstimmig treffen.“

Markus Barton, Geschäftsführer AWO Karlsruhe
„Die AWO Karlsruhe ist seit vielen Jahren Träger verschiedener Angebote für Menschen mit Suchterkrankung. Mit der Eröffnung des Drogenkonsumraumes schließt nicht nur die Stadtverwaltung Karlsruhe eine Versorgungslücke im Drogenhilfesystem der Stadt, sondern ergänzt auch die AWO Karlsruhe – neben Anlauf- und Kontaktstelle, Substitutionsbehandlung und Streetwork – ihre Angebote in der Suchthilfe um einen wichtigen Baustein. Drogenkonsumräume werden bereits in vielen deutschen Städten betrieben und sind nachweislich sowohl auf individueller gesundheitlicher Ebene als auch ordnungspolitisch wirksam.

Für die AWO Karlsruhe ist neben diesen fachlichen Aspekten der Suchthilfe vor allem auch ein wertebezogener Gesichtspunkt wichtig: Die Etablierung dieses ersten Drogenkonsumraums in Baden-Württemberg ist für uns auch Ausdruck unserer Überzeugung, dass niemand in Folge einer Erkrankung oder psycho-sozialer Problemlagen marginalisiert und von gesellschaftlicher Achtung und Würde ausgeschlossen werden darf.Vor diesem fachlichen und ethischen Hintergrund freuen wir uns sehr, dass wir als AWO Karlsruhe diesen Drogenkonsumraum künftig betreiben können.“

 

Die gemeinsame Pressemitteilung  der AWO Karlsruhe & Stadt Karlsruhe. Ein passender Beitrag dazu vom SWR als Video oder Podcast

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