23.03.2026 / AWO Karlsruhe gemeinnützige GmbH

Prof. Dr. Beate Küpper steht auf einer Bühne am Rednerpult und spricht vor Publikum. Hinter ihr ist eine Präsentationsfolie mit Grafiken und Text zur Mitte-Studie zu sehen.Zwischen Verunsicherung und Verantwortung: Studie zeigt eine Gesellschaft unter Spannung

Es sind Zahlen, die auf den ersten Blick beruhigen könnten und bei genauerem Hinsehen genau das Gegenteil tun: Der Anteil eines geschlossenen rechtsextremen Weltbildes ist gesunken. Gleichzeitig wächst der Bereich derjenigen, die rechten Aussagen zustimmen, sie relativieren oder sich nicht festlegen wollen. Genau dort verorten die Autor*innen der aktuellen Mitte-Studie 2024/2025,  die eigentliche Dynamik: Nicht am Rand, sondern in der Mitte der Gesellschaft.

Am 20. März wurde die aktuelle Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung im Tollhaus Karlsruhe im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus vorgestellt und diskutiert. Die Veranstaltung wurde von Ulrike Schnellbach moderiert, ein Grußwort sprach Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup. Auf dem Podium diskutierten Prof. Dr. Beate Küpper (Sozialpsychologin und Mitautorin der Studie), Nasrin Farkhari (Beraterin der Antidiskriminierungsstelle Karlsruhe) sowie Derya Şahin (Abteilungsleitung der Fachstelle Extremismusdistanzierung Baden-Württemberg, FEX).

Eine Mitte unter SpannungVier Personen sitzen auf einer Bühne in Sesseln und diskutieren. Im Hintergrund wird die Titelfolie der FES-Mitte-Studie 2025 auf einer großen Leinwand gezeigt.

Die Ergebnisse zeigen ein widersprüchliches Bild. 70 Prozent der Befragten zählen sich selbst zur Mitte der Gesellschaft, 80 Prozent halten sich für überzeugte Demokrat*innen. Gleichzeitig sehen 70 Prozent den Anstieg demokratiefeindlicher Einstellungen mit Sorge. Doch „Demokratie“ wird nicht von allen gleich interpretiert: Fast jede zweite Person mit rechtsextremen Einstellungen versteht sich selbst ebenfalls als demokratisch.

Graubereiche als Schlüssel

Der Blick auf den sogenannten Graubereich ist entscheidend. Während der Anteil eines geschlossenen rechtsextremen Weltbildes aktuell bei rund 3 Prozent liegt, bleibt ein großer Teil der Bevölkerung in einer Zwischenposition. Je nach Themenfeld betrifft das bis zu ein Drittel der Befragten. Diese Gruppe lehnt menschenfeindliche Aussagen nicht klar ab.

Prof. Dr. Beate Küpper verdeutlichte die Gefahr dieser Unentschlossenheit:

„Das Problem ist nicht allein der harte Kern am rechten Rand, sondern das Bröckeln der Brandmauer in der Mitte. Wenn immer mehr Menschen menschenfeindlichen Aussagen ‚teils-teils‘ zustimmen, verlieren wir den gemeinsamen Konsens darüber, was in einer Demokratie unsagbar sein sollte.“

Konkrete Zahlen machen das greifbar:

  • 27 Prozent stimmen der Aussage zu, Deutschland sei durch Zuwanderung „in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Weitere 28 Prozent antworten mit „teils/teils“.

  • 15 Prozent befürworten die Vorstellung eines „Führers“, der Deutschland mit starker Hand regiert. Weitere 10 Prozent zeigen sich unentschieden.

Verschiebung statt Entwarnung

Die Entwicklung lässt sich nicht als Entspannung lesen. Dass deutliche extremistische Positionen zurückgehen, während unscharfe, ausweichende Haltungen zunehmen, macht die Entwicklung politisch sogar wirksamer, da sie anschlussfähiger wird. Dies zeigt sich auch in der Sprache. Begriffe wie „Remigration“ oder „Volkskanzler“ wandern in den Alltagswortschatz, ohne dass ihre historischen Bezüge stets kritisch eingeordnet werden.

Beate Küpper warnte in der Diskussion eindringlich vor dieser schleichenden Gewöhnung:

„Wir erleben eine Normalisierung des Extremen. Wenn rechtsextreme Begriffe und Narrative unwidersprochen in die Alltagssprache einsickern, verschiebt sich die Grenze dessen, was als sagbar und schließlich als machbar gilt.“

Erfahrungen aus der Praxis

Wie konkret sich diese Verschiebungen auswirken, berichteten die Praktikerinnen auf dem Podium. Nasrin Farkhari erzählte von einem neunjährigen Mädchen, das im Unterricht diskriminiert wurde, als eine Lehrkraft sie als Beispiel für Menschen benutzte, die eine bestimmte Partei „abschieben“ wolle. Solche Erlebnisse prägen tief das Gefühl von Zugehörigkeit oder Ausgrenzung. Auch Derya Şahin (FEX) konstatierte, dass Radikalisierungsprozesse immer früher beginnen – oft schon im Alter von 11 bis 12 Jahren. Ein aktueller Fall aus Karlsruhe, bei dem ein 14-jähriger Schüler ein rechtsextremes Manifest verfasste, unterstreicht die Dringlichkeit präventiver Arbeit.

Demokratie braucht Begegnung

Die Diskussion endete mit einem Appell: Demokratie braucht Räume für echte Begegnung. Es gilt, im Gespräch zu bleiben, ohne jedoch problematische Positionen unkommentiert stehen zu lassen. Die Mitte-Studie bietet keine einfache Lösung, sondern beschreibt eine kritische Entwicklung. Wie diese weitergeht, entscheidet sich im Alltag: in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Zivilgesellschaft.

Dank an die Kooperationspartner
Die Veranstaltung wurde durch ein breites Bündnis getragen. Unser besonderer Dank gilt dem Landesbüro Baden-Württemberg der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie den Partnern: dem DGB, dem Stadtjugendausschuss Karlsruhe (stja), den NaturFreunden Karlsruhe, der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) und dem Karlsruher Kind und dem Team unseres Integrationszentrums.

Quellen & Weiterlesen

Studie

Friedrich-Ebert-Stiftung, Mitte-Studie 2025 „Die angespannte Mitte“

fes.de/mitte-studie

Presse

Deutschlandfunk: „Mitte-Studie 2025: Weniger Rechtsextreme, mehr Skepsis“

deutschlandfunk.de

Blog

„Mitte-Studie“ der FES: Rechts trendet | Campact

campact.de/blog

Fachstelle

Fachstelle Extremismusdistanzierung Baden-Württemberg (FEX)

fexbw.de

Beratung

Beratung | Antidiskriminierungsstelle Karlsruhe

antidiskriminierung-ka.de/beratung

Alle Links geprüft am 23.03.2026. Für aktuelle Updates direkt auf den Seiten prüfen.