Kleines Kind sitzt am Tisch und schneidet mit einem kindgerechten Messer eigenständig Essen auf einem Teller.Ein kleiner Tisch, zehn Teller, zehn Löffel, zehn Becher. Daneben steht ein Kind, zwei Jahre alt, mit gerunzelter Stirn und voller Konzentration. Sorgfältig verteilt es an jeden Platz ein Gedeck. Eine pädagogische Fachkraft sitzt daneben und beobachtet ruhig. Später sagt sie: „Heute hat sie sich zum ersten Mal getraut, den Tisch selbst zu decken. Gestern wollte sie nur zusehen.“ Solche Momente sind unserer bilingualen (deutsch-französischen) Kita Polyglott Alltag und Ausdruck einer Haltung, die Kinder von Anfang an stärkt: Partizipation.

Kleine Entscheidungen mit großer Wirkung

Was für viele nach einem großen Wort klingt, zeigt sich hier im Alltäglichen, in kleinen Entscheidungen, die die Kinder bewusst selbst treffen dürfen, z.B. aussuchen welche Socke zuerst angezogen wird. Kinder gestalten ihren Tag mit, in ihrem Tempo und auf ihre Weise. Die Fachkräfte begleiten sie dabei nach den Grundsätzen der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler. Sie verstand Kinder als aktive, kompetente Menschen, die lernen, indem sie selbst handeln. „Das Kind will von sich aus tätig sein“, schrieb Pikler. Diese Überzeugung prägt bis heute den Alltag in der Kita Polyglott: beobachten, begleiten, Raum lassen.

Kinder ernst nehmen – mit klaren Grenzen

„Partizipation heißt für uns, Kinder ernst zu nehmen“, sagt Rebecca Bürkle, Leiterin der Kita Polyglott. „Wir begleiten sie, lassen Ihnen Kleines Kind sitzt am Tisch und greift selbstständig nach Essen auf dem Teller, Blick nach unten gerichtet.Raum für eigene Entscheidungen, aber wir haben uns auch untereinander verständigt, welche Entscheidungen Kinder noch nicht treffen können und sollen. Und wir halten auch mal aus, wenn etwas länger dauert oder nicht perfekt läuft.“ Was hier selbstverständlich klingt, ist zugleich ein pädagogisches Prinzip, das landesweit gilt.

Partizipation als Bildungsauftrag

Partizipation ist fest im Orientierungsplan Baden-Württemberg verankert, der als Leitlinie für alle Kitas im Land dient. Er beschreibt Bildung als gemeinsamen Prozess von Kindern und Erwachsenen und fordert, Kinder in ihrer Selbstständigkeit, Eigeninitiative und Entscheidungsfreude zu fördern. Ob beim Bauen, Malen oder Philosophieren über Naturphänomene: Kinder sollen aktiv beteiligt sein, eigene Erfahrungen machen und Interessen einbringen.

Frühe Demokratiebildung

„Kinder, die erleben, dass ihre Meinung zählt, entwickeln Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein“, sagt Esther Marggrander, Geschäftsbereichsleitung Kindertagesstättender AWO Karlsruhe. „Das ist frühe Demokratiebildung, und sie beginnt im Kleinen.“ Für die AWO ist das mehr als Pädagogik, es ist Teil ihrer Haltung. Seit über 100 Jahren stehen die Werte Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Gleichheit und Toleranz im Mittelpunkt des Handelns und bilden das Fundament für Teilhabe und Mitbestimmung. Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Stimme erheben, Verantwortung übernehmen und anderen zuhören. Genau das lernen Kinder in unseren 18 Kitas  von Anfang an. Partizipation heißt hier nicht, dass Kinder alles dürfen, sondern dass ihre Stimme zählt. Und das ist vielleicht die wichtigste Lektion fürs Leben in einer Demokratie.

Januar 2026