14.07.2026 / AWO Karlsruhe gemeinnützige GmbH

Eigentlich wollte er den Stift gar nicht anfassen. Zu groß war die Sorge, etwas falsch zu machen und vor anderen zu scheitern. Heute greift derselbe Bewohner unseres Hanne-Landgraf-Hauses ganz selbstverständlich zu und löst das Worträtsel mit einem Lächeln. Diese eine Szene erzählt mehr über die MAKS®-Therapie als jede Statistik. Timo Koch, Geschäftsbereichsleiter Gesundheit und Pflege, spricht im Interview über ein Konzept, das in sechs Einrichtungen nach und nach in den Alltag eingezogen ist und darüber, was wirklich zählt, wenn man täglich mit Menschen mit Demenz arbeitet.

Porträt eines Mannes im dunklen Sakko und hellblauen Hemd vor einem neutralen Hintergrund.

Timo Koch, Geschäftsbereichsleitung Gesundheit & Pflege

Herr Koch, was steckt hinter MAKS® und warum hat die AWO Karlsruhe sich dafür entschieden?
MAKS® steht für Motorik, Alltagspraktik, Kognition und soziales Miteinander. Der entscheidende Punkt ist das Wort „und“: Diese vier Bereiche werden in jeder Einheit miteinander verbunden, nicht isoliert trainiert. Das klingt nach Theorie, macht aber in der Praxis einen erheblichen Unterschied. Studien belegen, dass kognitive und alltagspraktische Fähigkeiten über sechs bis zwölf Monate stabilisiert werden können und dass sich emotionale und verhaltensbezogene Symptome reduzieren lassen. Für uns war aber auch der strukturelle Aspekt ausschlaggebend. Schätzungen zufolge leben rund sieben von zehn Bewohner*innen deutscher Pflegeheime mit einer Demenzerkrankung. Gleichzeitig gibt es in Deutschland derzeit rund 1,84 Millionen Menschen mit Demenz. Wir brauchen Angebote, die wissenschaftlich fundiert sind, sich verlässlich in bestehende Abläufe integrieren lassen und die von unserem Team mit Überzeugung getragen werden. MAKS® erfüllt diese drei Voraussetzungen.

Wie sieht eine Einheit konkret aus, was erleben die Teilnehmenden?
Eine Sitzung dauert zwei Stunden und folgt immer demselben Rhythmus. Es beginnt mit einer sozialen Einstimmung im Stuhlkreis: ein Gedicht, ein Gespräch über vertraute Themen, manchmal ein gemeinsames Lied. Dann folgen Bewegungsübungen oder ein Sitztanz. Nach etwa einer Stunde gibt es einen bewussten Raumwechsel, dieser kleine „Umzug“ setzt neue Impulse und markiert den Übergang in den zweiten Teil. Dort stehen kognitive Aufgaben im Mittelpunkt, kombiniert mit alltagspraktischen Tätigkeiten: gemeinsames Kochen, Gärtnern oder handwerkliche Übungen. Was viele überrascht: bereits ein bis zwei Einheiten pro Woche reichen aus, um messbare Veränderungen zu erzielen.

Was beobachten die Einrichtungsleitungen im Alltag, was hat sich bei den Bewohner*innen verändert?
Am meisten beeindruckt uns die Veränderung in der Haltung der Teilnehmenden. Am Anfang standen oft Verweigerung oder Rückzug. Heute kommen viele Bewohner*innen mit sichtbarer Vorfreude in die Einheiten. Die Konzentrationsfähigkeit hat spürbar zugenommen. Aufgaben, die früher nach wenigen Augenblicken abgebrochen wurden, werden heute mit Ausdauer und Sorgfalt zu Ende geführt. Besonders wertvoll ist die soziale Dynamik in der Gruppe: Schwierige Rätsel werden gemeinsam gelöst, die Bewohner*innen unterstützen sich gegenseitig, kommen ins Gespräch, lachen miteinander. Das stärkt die Kommunikation und die gegenseitige Wertschätzung und durchbricht aktiv die Isolation, die eine Demenzerkrankung so oft mit sich bringt. Genau hier liegt, glaube ich, der tiefste Mehrwert der Therapie: nicht im kognitiven Training allein, sondern im Erleben, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein. Diesen Effekt können wir mit Zahlen beschreiben aber er zeigt sich am eindrücklichsten in Momenten wie dem mit dem Stift.

Senior*innen sitzen im Stuhlkreis und heben während einer angeleiteten Bewegungseinheit gemeinsam die Arme.

Bei der motorischen Einheit von MAKS® bewegen sich die Bewohner*innen gemeinsam im Stuhlkreis.

Wo liegen die Grenzen und wie gehen Ihre Fachkräfte damit um?
Das ist eine wichtige Frage, der wir uns nicht entziehen. Teilnehmende mit mittelschwerer bis schwerer Demenz werden schneller unruhig und möchten Einheiten manchmal vorzeitig beenden. Hier braucht es Geduld und die Bereitschaft, flexibel zu reagieren, eine Einheit zu verkürzen, den Fokus zu verschieben, im richtigen Moment loszulassen, ohne das Gefühl zu vermitteln, dass jemand versagt hat. Das ist eine Kompetenz, die man nicht aus einem Handbuch lernt. Die Schulung hilft, doch die eigentliche Erfahrung entsteht im Tun. Aber auch in diesen schwierigeren Fällen zeigen sich mit der Zeit und der Kontinuität positive Entwicklungen. Was unsere Fachkräfte in den letzten Monaten gelernt haben: nicht aufgeben, wenn Erfolge sich nicht sofort zeigen.

Wie haben Sie die Einführung konkret organisiert und was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Wir haben 20 Pflege- und Betreuungskräfte qualifiziert. Die Pflegekasse der IKK classic hat die Schulung finanziert, das Zertifizierungsinstitut ClarCert hat sie durchgeführt. Die Zertifizierung gilt drei Jahre. Das war uns wichtig: MAKS® kann nur dann nachhaltig wirken, wenn Fachkräfte es fundiert anwenden. Es gibt Methoden, die man mit einem zweitägigen Workshop einführt und die danach versanden. Das wollten wir vermeiden. Inzwischen ist die Therapie in allen sechs stationären und teilstationären Einrichtungen der AWO Karlsruhe fest verankert. Das war für uns kein Projekt, das man abhakt, sondern eine Entscheidung für eine grundlegend andere Qualität in der demenzsensiblen Versorgung.

Senior*innen gestalten gemeinsam an einem großen Tisch Papierbilder mit Blüten und Zweigen.

Beim kreativen Teil der MAKS®-Einheit gestalten Bewohner*innen u.a. gemeinsam Blumenmotive aus Papier.

Was ist Ihr persönliches Fazit nach den ersten Monaten?
MAKS® verhindert keine Demenz oder lässt sie verschwinden, aber sie trägt dazu bei, die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. Das sind viele kleine Fortschritte, die sich summieren: mehr Aktivität, mehr Austausch, mehr Selbstständigkeit. Und manchmal ein*e Bewohner*in, die*der einen Stift in die Hand nimmt und lächelt, obwohl er das lange nicht wollte. Genau das ist es, wofür wir diese Arbeit machen. Stiller als eine Schlagzeile. Aber beständiger und nachhaltiger als vieles andere.

Was ist MAKS®?
MAKS® steht für motorisch, alltagspraktisch, kognitiv, sozial. Es handelt sich um eine nicht-medikamentöse Gruppentherapie zur Behandlung von Demenz, die von Prof. Dr. med. Elmar Gräßel vom Universitätsklinikum Erlangen entwickelt und in mehreren randomisiert-kontrollierten Studien wissenschaftlich belegt wurde. Die vier Bereiche werden in jeder Einheit in fester Reihenfolge miteinander verbunden. Studien zeigen, dass kognitive und alltagspraktische Fähigkeiten über sechs bis zwölf Monate stabilisiert werden können. MAKS® ist für stationäre und teilstationäre Einrichtungen geeignet und wird über zertifizierte Schulungen durch das Institut ClarCert vermittelt.

Weitere Informationen: www.maks-therapie.de